Indigene Sámigemeinschaften vs. grüne Wachstumshoffnung auf der Halbinsel Fosen in Norwegen

Exkursionsbericht der ESRS Tagung 2019 in Trondheim, Norwegen

Carolin Holtkmap, Universrität Innsbruck

Die Konferenz der European Society of Rural Sociology (ESRS) trug dieses Jahr den Titel „Rural futures in a complex world” und fand in Trondheim, Norwegen statt. Die Komplexität der Frage über die Zukunft ländlicher Räume in Norwegen wurde uns auf einer Exkursion zur Baustelle des bald größten onshore Windenergieprojekts Europas verdeutlicht. Dieses wird derzeit auf der Halbinsel Fosen und kleineren benachbarten Inseln vor Trondheim realisiert. „Grüne“ Wachstumshoffnungen und Bemühungen um die Revitalisierung ländlicher Gemeinden treffen hier aufeinander mit den Bedürfnissen nach Umweltschutz und traditionellen Bewirtschaftungsformen. Während der Exkursion sprachen wir mit Vertreter*innen der verschiedenen Interessensgruppen.  Die Exkursion wurde geleitet von Katrina Rønningen, Ruralis Institut Trondheim.

 

Windenergie und green economy in Norwegen

Zunächst besuchten wir die Storheia wind farm in der Gemeinde Afjord auf Fosen. Mit 72 Anlagen ist er der größte von insgesamt sechs Parks. Neue Straßen führten uns durch eine raue, hügelige und felsige Naturlandschaft, die von Moosen und Gras bedeckt ist. Angekommen auf der Hochebene Storheia, passierten wir etwa alle 500 Meter eine Windkraftanlage. Wenn das Wetter nicht so schlecht gewesen wäre, hätten wir ein Meer aus Windkraftanlagen überblicken können. Jede Windkraftanlage ist 87m hoch und hat einen Rotordurchmesser von 117-136m. Ein Bauleiter des staatlichen, aber unabhängigen Windunternehmens „Statkraft“ erklärte uns, insgesamt werden 277 Turbinen in den sechs Windparks 1 GW Windenergie produzieren. Projektbeign war im Jahr 2008, die Fertigstellung ist für 2020 geplant. Damit Schwertransporter und Kräne anrollen können, um die riesigen Anlagen bauen und warten zu können, mussten zunächst insgesamt 241km solider Straße durch die zuvor weitgehend naturbelassene Küstenregion gebaut werden. Neben den Windanlagen selbst, steht der Straßenbau und -betrieb im Zentrum des Konfliktes.

Norwegens Deviseneinnahmen stammen derzeit zum größten Anteil aus fossilen Energieträgern, wie Erdöl und Erdgas. Seit Europa die Energiewende einleitete, wird auch Windenergie ein interessantes Exportgut. Mit der Anlage auf Fosen Island wird Norwegen die Menge produzierter Windenergie mehr als verdoppeln. Den eigenen Energiebedarf deckt das Land dagegen schon heute zu 99% aus erneuerbarer Wasserkraft. Die Windparks befinden sich in Besitz des Joint Venture, Fosen Vind DA, das zu 52,1% der staatlichen Energiefirma „Statkraft“ gehört, zu 7,9% der regionalen Energiefirma TrønderEnergi und zu 40% dem europäischen Investorenkonsortium, Nordic Wind Power DA, welches von Credit Suisse in Leben gerufen wurde (Windkraft Journal). Im Bus erklärt Katarina Ronningen, dass die ökonomische Rentabilität des Projektes bislang jedoch nicht sicher sei. Kurz vor Baubeginn habe dies dazu geführt, dass der Hauptinvestor Statkraft sein Engagement zurückgezogen habe. Nur durch den Einsatz der lokalen Gemeinden, die das Projekt unbedingt haben wollten und bereit waren, ihre Konditionen gegenüber des Joint Ventures zu vergünstigen, wurden sie überzeugt, wieder Teil des Joint Ventures zu werden. Insgesamt verdeutlicht die Eigentümerstruktur, welch große Rolle transnationales Kapital und Staatsanleihen für die Realisierung von Großprojekten im Energiesektor spielt.

 

Die Gemeinden und Landwirte

Dem Besuch des Windparks folgte ein Gespräch mit der Bürgermeisterin der Gemeinde Åfjord, eine von fünf betroffenen Gemeinden auf Fosen. So wie viele ländliche Gemeinden sieht sich auch Åfjord mit sinkenden Einwohnerzahlen und der Frage der Zukunftsfähigkeit konfrontiert. Norwegen hat 5.3 Millionen Einwohner und eine Fläche von 385.207 km2. Das Land ist damit in etwa so groß wie Deutschland, hat jedoch mit 16 Einwohnern pro Km2 eine der geringsten Bevölkerungsdichten Europas. 80% der norwegischen Bürger*innen leben in der Stadt, Tendenz steigend. Die Bürgermeisterin erklärte, in ihrer Gemeinde habe sich die Infrastruktur seit 30 Jahren kaum verändert. Die Straßen in der Region seien eng und von Steinschlägen gefährdet, Eltern haben Angst ihre Kinder in die Schule zu schicken. Der Gemeinde fehle jedoch das Geld für notwendige Investitionen.

In der Vergabe von Konzessionen für die Windenergieparks sieht die Gemeinde eine Möglichkeit, ihre Infrastruktur zu verbessern und neue Einwohner*innen zu gewinnen. Das Windenergieprojekt wurde der Bürgermeisterin vor 12 Jahren angeboten, kurz nach ihrer Ernennung. Sie betont, der Bau der Windkraftanlage sei kein Geheimrezept für Prosperität, jedoch unterstütze er einen Umdenkprozess, den sie habe anstoßen wollen. Ihre Gemeinde müsse sich an die Bedürfnisse einer differenzierten Gesellschaft anpassen. Z.B. wolle sie nicht mehr ausschließlich Bauland zur Verfügung stellen, sondern alle Wohnformen, von der kleinen Singlewohnung über das Mietshaus bis zum Eigentumsheim. Außerdem plant sie mit den benachbarten Bürgermeistern ein Gesundheitszentrum aufzubauen und ein Schulungszentrum für die Ausbildung des Wartungspersonal in die Gemeinde zu holen. Darüber hinaus freut sich die Bürgermeisterin schon jetzt die Kinder des zukünftigen Wartungspersonal in ihrem neuen Kindergarten begrüßen zu können. Finanziert werden die Maßnahmen mit den Steuereinnahmen aus dem Windenergieprojekt. Nachdem die Gemeinde jahrzehntelang arm war, wird ab 2020 für 20 Jahre umgerechnet 6 Mio. Euro jährlich in die Gemeindekasse schwemmen.

Die Bedingung für die Verhandlungen mit dem Windenergiekonsortium sei jedoch nicht allein das Geld, sondern ein partizipatives Planungsverfahren gewesen. Zwischen 2008 und dem Bau der ersten Anlagen im Jahr 2016 habe es insgesamt 35 öffentliche Treffen gegeben, in denen die Gemeinde dafür sorgte, dass Gemeindeinteressen in allen Baumaßnahmen beachtet werden. Neue Straßen, Tunnel und Brücken wurden in einer Weise geplant, dass sie nach Fertigstellung des Projektes für die Gemeinde nutzbar sind. Außerdem werde die neue Regionalplanungsagentur aus dem Windpark eine langfristige Touristenattraktion machen. Glücklich verkündete die Bürgermeisterin, dass im Jahr 2018, also vor Eingang der ersten Steuereinnahmen, die Bevölkerungszahl erstmals wieder gestiegen sei. Der Windpark gebe also eine Perspektive, sei jedoch nicht der einzige Grund, in der Gemeinde zu leben.

Auf der Weiterfahrt erläutert Katrina Rønningen die Interessen der Landwirt*innen vor Ort. Als Landbesitzer*innen spielen sie eine wichtige Rolle für das Windkraftprojekt. Etwa ein Drittel der Fläche Norwegens ist kulturfähiges Land, der Rest besteht aus Felsen, Seen, Fjorden und dem Meer. Ein Großteil des kultivierbaren Landes ist jedoch mit Wald bedeckt, sodass nur ein kleiner Teil der Gesamtfläche Norwegens landwirtschaftlich genutzt wird. Norwegens landwirtschaftliche Betriebe sind kleinstrukturiert, der Staat zahlt ihnen eine der höchsten Subventionen in Europa, um ihre Benachteiligung gegenüber den landwirtschaftlichen Gunstregionen Europas ausgleichen zu können. Die meisten Bauern und Bäuerinnen üben jedoch einen weiteren Beruf aus. Alle Landbesitzer*innen stimmten den Teilenteignungen für das Windenergieprojekt bereitwillig zu, denn im Gegenzug erhielten sie großzügige Kompensationen, sodass einige einen relativen Wohlstand erreichten.

Die Sámi und Umweltaktivisten

Auf der Exkursion begleiteten uns neben Katrina, zwei phd-Studentinen als Vertreterinnen einer weiteren Interessensgruppe, das Volk der Sámi. Im Unterschied zu den Gemeinden wollen die ansässigen Sámigemeinschaften sowie internationale Umweltaktivisten das Windkraftprojekt verhindern. Die Studentinnen erklärten, die Zukunftsstrategie „Windkraft“ stehe im Konflikt mit den Interessen der indigenen Bevölkerung. Eine der phd-Studentinnen hat selber einen Sámi-Hintergrund. Ihr Volk führe schon seit Jahrtausenden ein nomadisches Leben im Norden Fennoskandinaviens. Dieses sei von der Rentierhaltung, dem Sammeln und dem Jagen geprägt. Heute sind die meisten Sámi sesshaft, ihre Siedlungsgebiete erstrecken sich von Norwegen über Schweden, Finnland bis zur russischen Halbinsel Kola. Ihr Lebensstil beruht weiterhin auf der Rentierhaltung, sodass ein Familienmitglied häufig über Monate von der Familie getrennt lebt, um die Rentiere in Übereinstimmung mit acht Jahreszeiten auf neue Weideplätze zu leiten.

Derzeit gibt es noch etwa 100.000 Sámi. Das Volk differenziert sich nach innen in Süd- und Nordsámi.  Die Gruppe der Südsámi ist mit etwa 20.000 Menschen wesentlich kleiner ist als die, der Nordsámi. Die Storheia Windkraftanlagen wurde nach dem gleichnamigen Gebiet ernannt, auf dem sie gebaut wird. Dieses ist schon seit Jahrtausenden eine der bedeutendsten Winterweiden für die Rentierherden der Ǻerjel Njaarke Sijte – Sámi. Katrina erklärt, Vertreter*innen der Sámi waren bei den öffentlichen Verhandlungen mit dem Windparkkonsortium anwesend und ihre Beiträge und Forderungen seien danken gehört, jedoch nicht umgesetzt worden. Vor Baubeginn habe das Windparkkonsortium den betroffenen Sámi-Familien versprochen, den Bau der Anlage im Winter einzustellen, um die Weide der Tiere nicht zu stören. Dieses Versprechen wurde jedoch nicht eingehalten, da die Anlage unter Zeitdruck bis 2020 fertiggestellt werden muss, um alle Subventionen erhalten zu können.

Norwegen erkannte mit der Ratifizierung der ILO 169 die Rechte der Sámi als indigene Minderheiten an und ist im Prozess diese auch in nationales Recht umzusetzen, um die Reproduktion ihrer kulturellen Lebensweise zu sichern. Dennoch zeigt sich, dass Industrieprojekte wichtiger sind als der Erhalt der großflächigen Naturlandschaften, die für ihre Existenz grundlegend ist. Zuerst wurden die Weideräume der Rentiere durch Erdgasförderanlagen verkleinert, derzeit sind es Windenergieanlagen. Eine von drei betroffenen Familien auf Fosen musste ihre traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweise bereits aufgeben, da der Bau der Straßen und Windanlagen die Winterweide für die Rentiere unmöglich macht. Die Sámi-Studentin wies darauf hin, dass insgesamt nur etwa 15% der Sámi-Familien Rentiere halten, die anderen Familien aber auf vielfältige Art in die traditionelle Wirtschaftsweise eingebunden sind. Mit dem Verlust einer Familie gehe auch ihre Identität, Kultur und ihr Wissen verloren.

Die Sámi haben keine privaten Besitzrechte am Gebiet Storheia, jedoch gewohnheitsrechtliche Nutzungsrechte, die sich aus ihrer tradierten, nomadischen Lebensweise ableiten. Da der Bau der Windkraftanlage im Konflikt mit diesen Nutzungsrechten steht, klagten die Sámi vor dem obersten norwegischen Gericht. Obwohl das UN Human Rights Commitee und das Commitee on the Elimiation of Racial Discrimination den Stop der Bauarbeiten empfahlen, verloren die Sámi. Während die Verabschiedung des nationalen Gesetzt zum Schutz der Sámi in die Länge gezogen wird, antwortete Norwegen auf die Empfehlung der UN, der Windpark erfülle alle Kriterien. Bislang erhielten die Sámi nur kleinere Entschädigungszahlungen, verloren jedoch ihre Lebensgrundlage (www.Minoritymonitor.eu). Unterstützung erfahren sie vor allem durch eine zunehmende Anzahl von Umweltaktivisten, die die karge, zusammenhängende Naturlandschaft in Norwegen erhalten wollen.

Interessanterweise hängt der Fall der Sámi direkt mit indigenen und traditionellen Gemeinschaften in Brasilien zusammen. Die Energie, die aus den Windrädern gewonnen wird, wird für die vermeidlich nachhaltige Aluminiumproduktion durch norwegische Unternehmen verwendet. Die Rohstoffe zur Erzeugung von Aluminium stammen aus brasilianischen Minen, in denen Umweltstandards nicht eingehalten werden und kollektive Gebiete weitgehend nachhaltig lebender Bevölkerungsgruppen zerstört werden.

Weiterführende Literatur

Otte, Pia Piroschka, Katrina Rønningen, Espen moe (2018). Contested wind energy. Discources on energy impacts and their significance for energy justice in Fosen. In: Energy, resource extraction and society. Impacts and contested futures. Edt. By Anna Szolucha. Routledge.

https://www.windkraft-journal.de/

https://www.minoritymonitor.eu/case/Sami-Reindeer-herders-threatened-by-green-energy-projects

https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-05029-0_9

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