Kommentar: Woran es in der Glyphosat-Debatte mangelt

Klaus Salhofer

Userkommentar, "Der Standard" am 3. November 2017

Glyphosat, Gentechnik, TTIP etc. oder wie politische Entscheidungen getroffen werden.

Seit die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in einem Bericht im März 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat, tobt in der EU ein Streit um die weitere Zulassung dieses Breitbandherbizids. Der Bewertung der IARC widersprechen viele andere relevante Behörden und Organisationen, unter anderem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland, das „Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues“ (JMPR), die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) und einige mehr.

Der EU-Unterausschuss des österreichischen Nationalrats verpflichtete trotzdem am 3.10.2017 Bundesminister Andrä Rupprechter sicherzustellen, „dass sich Österreich in den EU-Gremien gegen jegliche Zulassung von Glyphosat ausspricht und gegen alle anderslautenden Vorschläge stimmt (Parlamentskorrespondenz Nr. 1011, siehe www.parlament.gv.at/). Liest man das im Internet verfügbare Protokoll dieser Sitzung, wie auch jenes der Aktuellen Europastunde im Nationalrat am 20.9.2017 (Parlamentskorrespondenz Nr. 971), so wird klar, dass sich die Ablehnung einer Mehrheit der österreichischen Parlamentarier einzig auf die von der IARC ausgesprochene „wahrscheinlich krebserregende Wirkung“ beruft. Aber der Umstand, dass mit der Verwendung von Glyphosat eine potenzielle Gesundheitsgefährdung verbunden sein könnte, also ganz ungeachtet von der Frage welche Agentur den nun Recht hat, heißt noch lange nicht, dass wir den Einsatz von Glyphosat sofort einstellen sollten. Alkohol, Nikotin und verarbeitete Fleischprodukte (z.B. Wurst) sind als „krebserregend“ und nicht „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft und trotzdem erlauben wir weiter den Gerbrauch. Autofahren oder Freizeitaktivitäten wie Schifahren können erwiesenermaßen für die ausführende Person, aber auch für unbeteiligte Dritte, gesundheitsgefährdend und auch tödlich sein und trotzdem erlauben wir es.

Eine rationale Entscheidung sollte vielmehr auf der Frage fußen, wie sieht das Gegenszenario, also eine Landwirtschaft ohne Glyphosat aus und geht es uns als Gesellschaft dann besser oder schlechter. In der Volkswirtschaftslehre nennt man dies das Prinzip der Opportunitätskosten. Menschen (Gesellschaften) stehen immer vor Zielkonflikten. Wenn wir uns für die eine Möglichkeit entscheiden, verlieren wir die andere und daraus entstehen Kosten, die sogenannten Opportunitätskosten. Die sind definiert als alles was ich verliere, weil ich mich für eine Option und nicht für deren Alternative entschieden habe. Was wären also die Opportunitätskosten des Verzichtes auf Glyphosat? Dazu muss ich mir vorstellen, wie die Landwirtschaft ohne das Breitbandherbizid Glyphosat aussehen würde. Diese Aufgabe habe ich auch meinen StudentInnen nach ihrer ersten Unterrichtsstunde in Grundlagen der Ökonomie diesen Oktober gestellt. Sie hatten die Aufgabe in einem dreiminütigen Video ihre Erkenntnisse zu präsentieren. Nach einer Woche hatte ich 45 Videos mit sehr intelligenten Untersuchungsergebnisse vorliegen. Hier fasse ich einige dieser Erkenntnisse zusammen.

Derzeit gibt es kein alternatives Breitbandherbizid, das vor oder unmittelbar nach der Saat zur Vernichtung von Unkräutern verwendet werden kann. Die einzigen wirklichen Alternativen zur Anwendung von Glyphosat in der konventionellen Landwirtschaft, die annähernd denselben Ertrag garantieren können, sind die mechanische Unkrautbekämpfung, die Verwendung von anderen selektiven Herbiziden (oder eine Kombination von beidem). Beide Alternativen führen zu Opportunitätskosten für den Landwirt, aber auch für die Gesellschaft. Während nach der Anwendung von Glyphosat die Landwirtin direkt das neue Saatgut in den Boden einbringen kann, muss bei der mechanischen Unkrautbekämpfung der Boden zuerst gepflügt werden. Das bedeutet vermehrten Einsatz von Maschinen und damit erhöhte Kosten in Form von erhöhtem Dieselverbrauch, Wartung und Abnützung. Das Pflügen eines Feldes von einem Hektar ist abhängig von der Bodenbeschaffenheit und verbraucht im Durchschnitt ca. 25 Liter Diesel. Dazu kommt noch der zeitliche Mehraufwand. Erhöhte maschinelle Bodenbearbeitung führt somit zu erhöhtem CO2 Ausstoß und damit zu einer Verschärfung des Klimawandels. Neben dem zusätzlichen CO2 Ausstoß aufgrund der Verbrennung von Diesel, wird auch durch das Aufbrechen des Bodens mehr C02 in die Atmosphäre entlassen. Zusätzlich kann es durch die vermehrte Bodenbearbeitung zu erhöhter Bodenerosion durch Wind und Regen und zu Bodenverdichtung kommen, die sich langfristig in sinkenden Erträgen und damit (Opportunitäts)Kosten für Landwirte und die Gesellschaft niederschlagen.

Der alternative Einsatz anderer Herbizide birgt ähnliche Gefahren wie Glyphosat selbst. Jedes Herbizid beinhaltet Stoffe, die für Umwelt und Menschen, ab einem gewissen Grenzwert von den zuständigen Behörden als bedenklich eingestuft werden. Kaum ein Herbizid wurde bisher so umfassend untersucht wie Glyphosat. Ob sich die absolute Menge an Herbiziden, die auf den Feldern ausgebracht wird, durch einen Bann von Glyphosat verringern würde, bleibt mehr als zweifelhaft. Das Unkrautmanagement wird für die Landwirtinnen durch den Verzicht von Glyphosat in jedem Fall schwieriger.

Selbst wenn man die erwähnten alternativen Unkrautbekämpfungsstrategien einsetzt, wird am Ende doch der Ertrag geringer ausfallen. Die tatsächlichen Ertragseinbußen sind abhängig vom Standort und der angebauten Kultur und können dementsprechend stark schwanken. Die Ertragseinbußen bedeuten Kosten für den Landwirt in Form entgangener Erlöse, es wird in der Summe aber auch die EU-weit geernteten Mengen an Getreide und Ölsaaten verringern und damit die Preise für die Konsumenten beeinflussen. Die hier angeführten Argumente gelten sinngemäß natürlich auch für die biologische Landwirtschaft, die oft als die Lösung des Problems dargestellt wird. Sie ist eine Alternative, aber eben auch mit Opportunitätskosten in Form von vermehrter mechanischer Bodenbearbeitung, manchmal Einsatz von natürlichen Substanzen, die auch Gefahren bergen können (z.B. kupferhaltige Pflanzenschutzmittel) und deutlich geringeren Erträgen. Letzteres führt entweder dazu, dass die Preise steigen, oder mehr Boden benötigt wird um dieselbe Menge an pflanzlichen Produkten erzeugen zu können. (Darüber hinaus gibt es auch noch andere Maßnahmen wie Fruchtfolgen, die bei der Unkrautbekämpfung helfen können, aber eben auch mit gewissen Opportunitätskosten.)

Jetzt könnte man argumentieren, dass dies ja alles nicht wichtig sei, verglichen mit der Sorge, dass jemand durch Glyphosat an Krebs erkranken und dadurch sterben könnte. Hier wird oft das sogenannte Vorsorgeprinzip ins Spiel gebracht. Nur, Erkrankungen und Tod kann ja auch durch die Alternative (kein Glyphosat) ausgelöst werden. Die vermehrte Verbrennung von Diesel ist erwiesener Maßen gesundheitsgefährdend, ein verstärkter Klimawandel kann zu mehr Todesfällen in Zukunft führen und erhöhte Kosten für Lebensmittelpreise erhöhen die Zahl der unterernährten Menschen auf diesem Planeten.

Was meine Studentinnen und Studenten in wenigen Stunden in Erfahrung bringen konnten, nämlich, dass die Sachlage viel komplexer ist als die einfache Feststellung, dass eine (von vielen) zuständigen Behörden den Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft, spielt bei der Diskussion im EU Unterausschuss und im Plenum des Parlaments, wie auch in den Medien kaum bis überhaupt keine Rolle. Es findet keine qualifizierte Diskussion zu den Vor- und Nachteilen der Verwendung von Glyphosat statt, sondern eine eindimensionale Darstellung des Problems. Die zuständigen Institutionen und ihre Wissenschaftler werden leichtfertig als korrupt und am Gängelband der Pflanzenschutzmittelindustrie verunglimpft, wenn deren Meinung sich nicht mit der eigenen deckt. Dass politische Parteien und NGOs auch Eigeninteressen verfolgen könnten, wird völlig negiert. Für Wählerstimmen und um Spendengelder zu lukrieren, schürt man Ängste, die mit dem tatsächlichen Gefährdungspotenzial überhaupt nichts mehr zu tun haben. Nicht einmal der Landwirtschaftsminister, dem all die oben beschriebenen Zusammenhänge natürlich völlig bewusst sind, traut sich in der Vorwahlzeit die Probleme, die durch ein Verbot entstehen könnten, anzusprechen, sondern versucht sich einer klaren Aussage zu entziehen.

Dabei geht es mir hier nicht darum eine Lanze für Glyphosat zu brechen oder explizit um dieses Thema, sondern um die Frage, wie wir als Gesellschaft Entscheidungen treffen sollen. Die Diskussion um das Verbot von Glyphosat ist ein sehr gutes Beispiel dafür wie gesellschaftliche Probleme meiner Meinung nach immer häufiger diskutiert werden: mit wenig Sachverstand und Einbeziehung von Experten, wenigen plakativen Argumenten und ohne jegliche Objektivität und Rationalität. Ähnliche Kommentare hätten sich über TTIP, Gentechnik in der Landwirtschaft und viele andere Themen, insbesondere jene, die in Menschen Ängste hervorrufen können, schreiben lassen.

Die Welt und viele Entscheidungen, die wir zu treffen haben, insbesondere im Zusammenhang mit Technologien, sind komplex und unter Unsicherheit. Dazu kommt noch, dass jede Entscheidung die wir treffen dazu führt, dass manche Gruppen in der Gesellschaft gewinnen, während andere verlieren. Vor- und Nachteile sollten transparent dargestellt, gegeneinander abgewogen und darauf basierend Entscheidungen getroffen werden. Eine eindimensionale Darstellung des Problems bringt vielleicht Wählerstimmen und Spendengelder, uns als Gesellschaft bringt es nicht weiter. Ökonomen werden heute für so manche Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht. Ökonomische Entscheidungskriterien, wie das zentrale Prinzip der Opportunitätskosten oder die Nutzen-Kosten-Analyse, scheinen jedoch bei politischen Entscheidungen kaum mehr eine Rolle zu spielen.

Acker in der Normandie. Photo: "Steinreich" by stanze, 2015, flickr (CC BY-SA 2.0).

Die Blogbeiträge und Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der ÖGA wieder.
Kategorie: Analysen
Neuer Kommentar
auch
Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und lediglich im Zusammenhang mit dem Kommentar gespeichert.

0 Kommentare